Radtouren

Schwedt – Nationalpark Unteres Odertal

Oder

Ab in den (Nord)Osten – warum nicht nach Schwedt? Das frühsommerliche Wetter motivierte mich zu einer kombinierten Bahn-Rad-Tour in die nordöstliche Uckermark. In meiner Naivität dachte ich, wenn ich den frühen Zug um 9:00 Uhr nähme, hätte ich eine geruhsame Bahnfahrt. Doch weit gefehlt: Schon der Bahnsteig war gefüllt mit zahlreichen rüstigen Rentnern im gestylten Outfit und hochgezüchteten Rädern sowie Eltern mit Kleinkindern, die entweder in Riesenbuggys oder per Fahrrad in entsprechenden Beiwägen transportiert wurden. Dazu kam noch der normale Ausflugsverkehr. Kurz gesagt, der Zug war überfüllt – eigentlich ein Skandal, müsste die Bahn doch klar sein, dass es am Wochenende eine hohe Nutzerfrequenz gibt, nicht zuletzt weil auch angesagte Ausflugsziele, wie das Kloster Chorin angefahren werden. Darüber hinaus werden – im Unterschied zu anderen Anbietern – nur Wagen mit geringer Stellmöglichkeit für Fahrräder und / oder Kinderwagen angeboten. Glücklicherweise war die Stimmung trotz der Fülle relativ entspannt, bis auf ein paar Aufreger, dass Reisende Angst hatten, an ihrem Ziel nicht aussteigen zu können.

Ab Angermünde leerte sich der Zug deutlich, und ein geschwätziger Rentner nahm neben mir Platz. Er erklärte mir im Vertrauen, dass er nach Schwedt reise, um von dort nach Polen in den Puff zu radeln. Die Reise lohne sich …. Ich wollte den Grund nicht wissen. Wenn ich trotzdem die Gelegenheit hatte, aus dem Fenster zu schauen, sah ich endlose Weiten, zumeist bestellte Felder, vereinzelnd kleine Laubwäldchen, keine menschlichen Ansiedlungen, lediglich Ansammlungen von Windkrafträdern, die wie große Viehherden zusammenstanden. Nach knapp zwei Stunden erreichte ich schließlich Schwedt.

Nachdem ich mir in der Tourist-Information entsprechendes Material besorgt hatte, radelte ich gleich Richtung Oder, denn die wenigen Bauwerke, die es in der Stadt zu besichtigen gab, wollte ich auf dem Rückweg besuchen. Schwedt liegt nicht direkt an der Oder, sondern an der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße, einem Kanal, der bei Hochwasser der Oder, ebenso wie die zahlreichen Polder geflutet werden kann. Zwischen diesem Kanal und der Oder befindet sich der über 60.000 Hektar große Nationalpark Unteres Oderland mit seinen unterschiedlichen Schutzzonen. Diesen drei Kilometer breiten Streifen überquerte ich, bevor ich über die Oderbrücke polnisches Gebiet betrat.

Der Ort Krajnik Dolny hat den typischen Charme einer Grenzsiedlung mit den zahlreichen Buden, wo Zigaretten, Spargel zu Schleuderpreisen und allerlei Tand angeboten werden, sowie Dienstleistungsläden (Friseure, Kosmetik) und Restaurants mit Hauptstraßenausblick. Ich radelte entlang der Oder durch das Tal der Liebe: Diese Parklandschaft auf Moränenanhöhen wurde im 19.Jahrhundert angelegt. Hier, wie auch bei fast allen Hinweisschildern, ist fast durchgängig eine Zweisprachigkeit anzutreffen; auch wenn dies dem Tourismus geschuldet sein sollte, es hilft dem polnisch Unkundigen. Ich erreichte nach circa fünf Kilometern das Örtchen Zaton Dolny in der Hoffnung dort in dem von der Tourist-Information gelobten Restaurant einkehren zu können. Leider hatte diesen durchaus lauschigen Platz auch eine ob ihrer Übergewichte stark schwitzende Radlergruppe aus Sachsen schon mit Beschlag belegt. Ein wenig Trost und eine Flasche Wasser fand ich in der lokalen Tourist-Agentur, eigentlich nur ein ausgebauter Schuppen mit allerlei geschmackloser Dekoration. Anschließend radelte ich den gleichen Schotterweg zurück, denn die befestigte Straße durch den Park hätte zu viele Steigungen gehabt; dazu war sie extrem eng! Entlang der Oder begegnete ich in der ganzen Zeit lediglich einem kleinen Motorboot und einem Kajak sowie zwei Anglern am Ufer. Zurück in Krajnik Dolny begab ich mich gezwungenermaßen in eines dieser gemütlichen und anheimelnden Straßenrestaurants und labte mich an einem frisch gezapften Bier. Als Mittagsmahl bestellte ich mir ein Schaschlik, das jedoch nicht meinen Vorstellungen entsprach: Es war lediglich ein Fleischspieß – 850 Gramm wie mir die Kellnerin stolz erzählte – mit Zwiebeln.

Für den Rückweg nahm ich eine andere Route: Nach der Überquerung der Oder bog ich gleich auf den Deich und radelte etwas fünf Kilometer nordwärts. Dann suchte ich – fast vergeblich – die im Plan eingezeichnete Querverbindung Richtung Schwedt. Es stellte sich in weiten Teilen lediglich als ein besserer Trampelpfad heraus, der mich und mein Rad vor hohe Aufgaben stellte. Dafür wurde ich mit phantastischen Naturerlebnissen entschädigt: Ich traf auf Vogelschwärme, leider fehlten mir ein Fernglas und ein Vogelbestimmungsbuch, lediglich Kraniche und Fischreiher konnte ich ausmachen. Dazu noch eine reiche Vegetation und pittoreske Baumensembles.

Ziemlich geschafft erreichte ich Schwedt und belohnt mich mit einem wohlschmeckendem Eis von einer Eisbude am Ufer des Kanals. An meinem Tisch nahm auch eine Gruppe von betagten, körperlich /geistig behinderten Damen, die vielleicht knapp 10 Jahre älter waren als ich, mit ihrer Betreuerin Platz. Deren Auftreten (Bewegung, Verhalten, Kommunikation) bedrückten mich und machten mich nachdenklich….

Jüdisches Ritualbad

Schwedt selbst ist nicht reich gesegnet mit Sehenswürdigkeiten; die wenigen bemerkenswerten Stellen kann man in gut einer Stunde erlaufen. Mir sind bei meiner Rundfahrt zwei Gebäude im Gedächtnis geblieben, sicher auch weil sie mit direktem Kontakt mit Menschen verknüpft waren. Das ist zunächst der Gerberspeicher, ein Tabakspeicher der ehemaligen Uckermärkischen Tabakverwertungsgenossenschaft. Die gewaltigen Ausmaße dieses Gebäudes legen Zeugnis ab, wie bedeutend das Tabakgewerbe im 19. Jahrhundert für die Stadt gewesen war. Jetzt befindet sich hier die „Galerie am Kietz“ des Kunstvereins Schwedt mit wechselnden Ausstellungen. Ich hatte das Glück, gerade zur Vernissage einer Fotoausstellung anwesend zu sein. Die Fotos selbst zeigten entweder besondere Naturkompositionen des Odertals oder Portraits von Einwohnern in Kostümen, die dem örtlichen Country Club angehören. Untermalt wurde die Veranstaltung von einer Drei-Mann-Combo in ungewöhnlicher Besetzung: Gitarre, zwei Posaunen. Das reichlich anwesende Publikum kannte sich untereinander, genoss die Musik der 20er Jahre und ertrug die Ansprache der Kunstamtsleiterin. – Das zweite bemerkenswerte Bauwerk ist das jüdische Ritualbad und das Synagogendienerhaus, die – anders als die Synagoge – die nationalsozialistische Herrschaft weitgehend unbeschadet überstanden. Eine Angestellte erklärte mir engagiert die Geschichte der Einrichtung sowie die Bestrebungen, die freigelegten Grundmauern der Synagoge zu einer Gedenkstätte zu gestalten. Im Synagogendienerhaus ist eine sehr informative, mit reichlich Anschauungsmaterial versehene Ausstellung zum jüdischen Leben zu besichtigen.

Ein Aspekt, der mir positiv in Erinnerung bleiben wird, ist die Vielzahl der Skulpturen und Brunnen, die das Stadtbild mitprägen und bereichern. Die meisten der Werke sind zu DDR-Zeiten entstanden und spiegeln in vielen Fällen in Form und Inhalt den sozialistischen Realismus wider, aber nach meinem Empfinden nicht in der platten Form. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang die Skulpturensammlung im Stadtpark und die Eingangspforten des Rathauses.

Fazit: Schwedt sollte man zumindest einmal besucht haben, dagegen ist der Naturpark mehr als eine Reise wert. Nimmt man ihn nur als Durchgangsstation auf dem Oder-Neiße-Radweg zur Kenntnis, entgehen einem viele Eindrücke und Erlebnisse in diesem Reservat.

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