Bildende Kunst

Auf zum Franz ….

…. nicht zum Beckenbauer, zumal diese mittlerweile in Ungnade gefallene Lichtgestalt in Kitzbühl residiert, sondern zum Heiligen Francesco von Assisi. Ich sah als Ungläubiger, jedoch mit einem soliden christlichen Grundwissen und historischen Interesse sowie einer nahezu unbändigen Neugierde ausgestattet, dieser als Wallfahrt deklarierten Exkursion mit einer gewissen Skepsis entgegen; allzuoft hatten die von mir besuchten Pilgerstätten nur noch wenig mit den ursprünglich christlichen Grundüberzeugungen gemeinsam.

Der Ort Assisi, der Geburtsort des Heiligen Franziskus, liegt nur gut 40 Kilometer von unserem Campingplatz am Lago Trasimeno entfernt, so sollten wir diesen, von der katholischen Kirche als einen der bedeutendsten Orte deklariert in weniger als einer Stunde erreichen. Sei es Versehen, Eingebung oder Vorhersehung, wir verließen die entgeldfreie Autobahn eine Ausfahrt vor dem vom Google Navi gemachten Vorschlag. So fuhren wir unmittelbar zu dem Ort Santa Maria degli Angeli und erblicken ein Gotteshaus, bei dem mir der Begriff “Klopper” einfiel: Gigantisch überragte dieses Gebäude seine Umgebung, über dessem Eingang eine goldene Marienskulptur thronte.

Aus reiner Neugierde hielten wir an und begaben uns über einen großen Vorplatz hinein. Wir erfuhren, dass diese Basilika sehr eng mit dem Leben des St. Franziskus verbunden ist / war: In dem Gebäude selbst befindet sich die ursprüngliche Kapelle, die Portiunkula. Hier soll der Heilige mit Gott gesprochen haben und diese Stätte als eine der ersten Kirchen wieder erstellt haben. Weiterhin befindet sich in dem monumentalen Kirchenschiff die Kapelle Transito. Sie soll den Ort bezeichnen, an dem St. Franziskus sich vorwiegend aufhielt und starb. Obwohl dieser Ort von vielen Menschen besucht wurde, nach meinen Beobachtungen überwiegend Gläubige bzw. dem christlichen Glauben nahestehend, herrschte hier eine mich anrührende und bewegende Atmosphäre. Dies lag sicher auch an dem parallel stattfindenden Gottesdienst, der im vorderen Teil der Basilika abgehalten wurde. Die liturgischen Gesänge und Kirchenlieder, die in den öffentlichen Teil der Kirche per Lautsprecher übertragen wurden, ließen mich die Faszination und den Schauer spüren, die der Glaube und die ihn repräsentierenden Gebäude ausüben.

Das genaue Gegenteil erlebte ich in der Basilika des Heiligen Franziskus in Assisi. Dieses imposante, den ganzen Ort dominierende und überragende Gotteshaus besteht aus zwei Kirchen, der älteren unteren Kirche im romanischen Stil, wahrscheinlich unmittelbar nach dessem Tod errichtet, und der oberen Kirche im gotischen Stil, deren ursprüngliche Entstehungszeit ungesichert ist. Zunächst betraten wir diese und erlebten eine Menschenansammlung, die sich schon am Vorplatz andeutete: Zahlreiche Reisegruppen, die von einem Führer – “bewaffnet” mit einem Schirm, einer italienischen Fahne oder anderen Insignien – durch das Gebäude gelotst wurden, verhinderten, dass man sich in Ruhe die beeindruckenden Fresken aus der Renaissance, in welchen das Leben des Heiligen abgebildet wurde, ansehen, geschweige denn genießen konnte. Nicht zu vergessen die Selfie-Süchtigen, die trotz Fotografierverbot sich (selbst) produzierten. Fluchtartig verließen wir diesen Gebäudeteil und begaben uns zur unteren Kirche. Hier hielt sich der Menschenauflauf in Grenzen, sodass ich zumindest einige der Seitenkapellen in Ruhe betrachten konnte. In der Krypta besuchten wir abschließend das Grab des Heiligen Franziskus. Nach dessem Tod hatte man ihn in einem geheim gehaltenen Felsengrab bestattet, um Grabräuber abzuhalten. Deshalb galt seine Grabstätte jahrhundertelang als verschollen. Erst bei Restaurationsarbeiten im Jahre 1857 entdeckte man diesen Ort per Zufall. Hier spürte ich die Gläubigkeit und eine Ergriffenheit bei den meisten Besuchern, was bei mir ein Gefühl, das zwischen Unverständnis und Bewunderung bis hin zum Neid schwankte, hervorrief.

Auf dem Rückweg fanden wir – wiederum per Zufall – glücklicherweise einen Ort, an dem wir ungestört Ruhe und Abgeschiedenheit zum Meditieren / Nachdenken / Reflektieren fanden, die Kirche Santa Maria Maggiore. Dieses Gotteshaus ist eine der ältesten Kirchen Assisis und war bis 1039 die Kathedrale des Ortes. Im angrenzenden Bischofssitz, in dessem Vorplatz eine Statue des Heiligen Franziskus steht, vollzog dieser den Verzicht auf allen irdischen Besitz.

Insgesamt hatte ich von Assisi den Eindruck, dass dies nicht ein Ort ist, in dem man lebt, sondern von dem man lebt. Die tadellos hergerichteten Häuser, neben den zahlreichen Kirchen überwiegend in irgendeiner Art und Weise mit dem christlichen Glauben verbunden, die zahlreichen Souvenierläden und Restaurants in Variationen und der Moloch an Touristen spiegelten für mich kein Leben wider. Hier wurde den Besuchern eine Sehenswürdigkeit angeboten, die sie nach eigenem Gutdünken konsumieren können. Schmerzhaft für mich war dabei der Widerspruch zwischen den Idealen, die St. Franziskus und seine Anhänger ursprünglich vertraten, und dem Gigantomanismus, der von den Kirchenschiffen ausgeht und der -so unterstelle ich – die (All)Macht der Kirche präsentieren soll(te).

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